Klimawende? Warum auch unsere Bundesregierung mit Objectives & Key Results arbeiten sollte

Nicht nur Greta Thunberg und Fridays For Future – wir alle haben sie kritisch beäugt, unsere Klimapolitik: Um die Erderwärmung auf unter 2 Grad Celsius (besser: 1,5 Grad Celsius) zu halten, hatte sich auch Deutschland im Pariser Abkommen bereits auf kurzfristige Ziele zur CO2-Reduktion bis 2020 verpflichtet. Nur vermisste man über eine lange Zeit jegliche Aktionspläne zur Umsetzung der ambitionierten Ziele. Und nicht überraschend: Wir werden sie verfehlen.

Aus meiner Praxis in der Beratung von Organisationen zu Strategie und Zielsystemen kenne ich dieses Phänomen: Wer hochgradig ambitionierte Ziele setzt und gleichzeitig keinen Weg zur Umsetzung beschreitet, wird scheitern. Denn Zielsetzungen müssen immer auf mehreren Ebenen gleichzeitig passieren, damit sie komplett sind. Im Kontext von Unternehmen arbeiten wir dafür mit der Purpose Pyramide, die anschaulich die verschiedenen Ebenen von Zielsetzung darstellt:

Das True North gibt das WHY: Warum gibt es das Unternehmen? Es leitet uns an und gibt Orientierung. Ein gut formuliertes True North ist visionär und inspirierend, berücksichtigt den Kernnutzen für den Kunden und ist so groß, dass es unerreichbar scheint. Ein WHY für die Klimawende zu bestimmen, fällt verhältnismäßig leicht – steht die Klimawende doch im Kern für eine lebenswerte Welt mit guter Zukunft für weitere Generationen. Auf dieser Ebene ist die Politik nicht zuletzt in Paris bereits angekommen und 195 Nationen haben das Abkommen ratifiziert.

Auch eine Mission zu formulieren, nämlich den Weg zur Erreichung des True North auf oberster Abstraktionsebene (das WIE?), erscheint verhältnismäßig simpel, denn hierzu haben die Länder entsprechende Aktionspläne und CO2-Reduktionspläne vorgelegt. Auf stark vereinfachter Ebene könnte die Mission also lauten: Wir reduzieren den CO2-Ausstoß bis 2020 so weit, dass das 1,5-Grad Ziel erreicht wird und fördern unsere Anpassungsfähigkeit an den Klimawandel. Dafür wurde in Paris auch noch festgelegt, dass die „Finanzmittelflüsse mit den Klimazielen in Einklang gebracht werden“ müssen, eine notwendige Bedingung zur Erreichung der Mission.

Wir nähern uns nun dem Knackpunkt: der Umsetzung. Wie kann man diese Ziele nun operationalisieren?

Unternehmen, die im komplexen Umfeld arbeiten und ihre Ziele besser erreichen möchten, raten wir zur Einführung der Prozessmethode Objectives & Key Results (OKR). OKR ist eine agilen Methode zur Operationalisierung der Unternehmensziele. Man legt fest, WAS in einem Quartal getan wird, um die längerfristigen Ziele zu erreichen. Geplant wird quartalsweise. Ziele werden über alle Ebenen top-down UND bottom-up geplant. Dabei ergeben sich Vorteile wie Fokus, Transparenz, Alignment und eine verbesserte Zusammenarbeit. Im Idealfall wirkt sich die Zusammenarbeit an den Zielen positiv auf die Motivation der Beteiligten aus, da sie einbezogen werden und zu jedem Zeitpunkt den Connect ihrer täglichen Arbeit zum Unternehmensziel herstellen können – das schafft Orientierung.

Was ich im Klimapaket der Bundesregierung lese, möchte ich in diesem Artikel weniger inhaltlich als formal bewerten. Ob das Paket inhaltlich ausreicht, wird an anderer Stelle diskutiert. Vielmehr interessiert mich, ob das formulierte Paket rein formal das Potenzial zur Umsetzung hat. Im Klimapaket finden sich 66 Maßnahmen in verschiedenen Sektoren. Diese sind teilweise konkret, teilweise eher unkonkret formuliert und verweisen auf weitere Konzepte oder Pläne, die noch erstellt werden müssen. Hier ein Beispiel:

Ausbau des Ökolandbaus ( 31):

Die Ausweitung der ökologisch bewirtschafteten Flächen ist auch eine Klimamaßnahme. Die Bundesregierung wird die Rechtsvorschriften zugunsten besonders umweltfreundlicher Verfahren wie dem ökologischen Landbau oder anderer besonders nachhaltiger Verfahren der Landbewirtschaftung weiterentwickeln und die rechtliche und finanzielle Förderung optimieren.

Ich möchte konkret bei diesem Beispiel bleiben. Ziel ist der Ausbau des Ökolandbaus – ein wunderbares Objective – Wir bauen den Ökolandbau aus. Was nun folgt, ist das Problem. Es würde in keinem meiner Kundenprojekte als operationalisierbar durchgehen. Es fehlen konkrete Kernergebnisse/Key Results, die messbar zu verfolgen sind und einen klaren Zeithorizont haben. Das alte Spiel: SMARTe Ziele – spezifisch, messbar, ambitioniert, realistisch, zeitbasiert. Was bringt es uns z.B. in Hinblick auf die CO2-Einsparung bis 2030 weiter, wenn die Optimierung der Förderung des Ökolandbaus erst im Dezember 2029 beschlossen wird? Die Erfahrung zeigt, dass Aufgaben immer einen Verantwortlichen und einen Zeithorizont brauchen, damit sie zur Umsetzung gebracht werden. Bei OKR ist dies der Key Result Owner und das Quartalsende.

Die Klimawende ist ein komplexes Vorhaben. Komplexe Vorhaben kann man nur mit den geeigneten Werkzeugen und Methoden bewältigen. Im komplexen Umfeld ist ein iteratives Vorgehen die zielführende Methode (google hierzu: Cynefin-Modell). Es spricht also alles für ein schrittweises Vorgehen, um die Klimaziele zu erreichen. Ein Argument dafür, dass die Bundesregierung sich zum jetzigen Zeitpunkt natürlich noch nicht auf das vollständige Vorgehen für 10 Jahre festlegen kann oder gar sollte. Man sollte wie bei OKR iterativ im Quartalsrhythmus planen. Und dieser Schritt fehlt noch im Klimapaket, nämlich die Operationalisierung der formulierten Ziele, um den Worten nun auch Taten folgen zu lassen.

Ein gutes Set an Key Results kann bei der Umsetzung helfen. Dabei wird zunächst differenziert, welche Ziele wir sofort erreichen müssen. Darauf wird der Fokus gesetzt: Was ist zum jetzigen Zeitpunkt die Maßnahme mit dem größten Hebel in Bezug auf das gesetzte Ziel? Welche Dinge müssen wir unbedingt jetzt beginnen, damit wir zum gesetzten Zeitpunkt auf der Zielgeraden sind? Auf Basis dieser Fragen erfolgt dann eine quartalsweise Planung der wichtigsten Ergebnisse. Mit Abschluss eines Quartals können also auch immer Ergebnisse in einem Reviewvorgestellt werden. In der Regel setzt man sich nicht mehr als 20 Key Results in einem Quartal, um sich nicht zu verzetteln.

Als nächstes erfolgt das Herunterbrechen der Ziele auf die einzelnen Bereiche bzw. in diesem Beispiel die Ressorts. Die Ressorts werden vernetzt und arbeiten sich gegenseitig zu. Schließlich lassen sich viele der Herausforderungen nicht in Silos lösen und Zusammenarbeit ist gefragt.

Ein besonderer Vorteil in der Verwendung von OKR ist, dass die Umsetzung der Ziele wöchentlich besprochen und vorgestellt wird. Dafür gibt es kurze wöchentliche Regeltermine. Ein Aufschieben der wichtigsten Projekte wird damit unmöglich.

Und hier liegt meines Erachtens der größte Hebel der Methode für unsere Bundesregierung: In der kontinuierlichen Arbeit, die regelmäßig nachverfolgt wird. Zu einfach wäre es, das Klimapaket wieder in der Schublade verschwinden zu lassen und sich in der alltäglichen Hektik feuerwehrmäßig nur dem Löschen der größten Brände zu widmen. Aber so werden die Klimaziele abermals verfehlt. Nur eine kontinuierliche Arbeit an der Klimawende wird sie auch herbeibringen. Es muss Schritt für Schritt geliefert und stetig nachverfolgt werden. Die Formulierung der Ziele im Klimapaket ist dafür nur ein Anfang. Jetzt beginnt die Arbeit. Am besten mit Objectives & Key Results.

Ute Athen | 22. 10.2019